Würzburg, 14.06.2001

Unvergessene Schätze

Teil 1

Die unvergessenen Schätze berührten mich zum ersten Mal, als ich eines Tages bei einem meiner besten Freunde weilte und irgendwann meinte, ich hätte Durst und bräuchte ein Glas. Mein Freund meinte, er hätte keine Gläser, er trinke immer aus der Flasche... aber im Kühlschrank wäre wohl noch ein Senfglas, das könne ich einfach auswaschen.

Ich beschloss diesem merkwürdigen Vorschlag zu folgen - in der Hoffnung bei zukünftigen Besuchen diese Prozedur nicht mehr wiederholen zu müssen.

Ich öffnete also den Kühlschrank und fand die wunderbarsten Dinge: Ein leeres Glas Gurken - nur noch mit dem Sud gefüllt - mit dem Verfallsdatum '96, Schokopralinen mit "Schuß" - Verfallsdatum ebenfalls '96, im Gemüsefach lag eine Scheibe mumifizierte Wurst (unbekanntes Verfallsdatum, aber mit der C14-Methode wäre das Herstellungsdatum sicher herauszubekommen) und schließlich auch ein Glas Senf (Verfallsdatum '98, aber wohl aus dem gleichen Herstellungsjahr wie die Gurken.

"Sag mal", meinte ich zu meinem Freund, während ich mit einer Gabel versuchte die gelbdunkelbraune Masse aus dem Glas zu entfernen, "wann hast Du zum letzten Mal in Deinem Kühlschrank aufgeräumt?"

Im gleichen Moment wurde mir der Unsinn meiner Frage bewußt, ich lies meinen Blick über das Wohnzimmer huschen: Bei den Essenresten auf dem Tisch wetteiferte die Austrocknung gegen den Schimmel, die Ameisenkolonie in der Yuka-Palme brachte das, was auf dem Boden gefallen war weg, der Rest zerfiel zu Staub, der zusammen mit dem Teppich eine äußerst trittfeste, schalldämmende und feuersichere Konsistenz bildete. Kurz gesagt ein funktionierender Mikrokosmos, vorausgesetzt die Yuka-Palme wurde oft genug gegossen, aber so weit ich meinen Freund kannte, mussten den Job inzwischen die Ameisen übernommen haben.

"Wozu?", meinte mein Freund? Wie ich schon sagte, der Unsinn meiner Frage war mir schon hier bewußt, aber jetzt musste ich weitermachen, sonst würde ich mich unglaubwürdig machen. "Naja", sagte ich, "die Pralinen, von wem sind die denn? Wenn da mal ein Schuß Weinbrand drin war, dann ist der inzwischen doch garantiert weg, alles ausgetrocknet, auch die Schokolade. Die sind doch ungeniesbar?" "Das waren die doch vorher auch schon. Das waren die fürchterlichsten Pralinen, die ich je gegessen hatte. Aber die wurden mir von meiner damaligen Freundin geschenkt. Und da hab ich sie als Andenken eben in den Kühlschrank gestellt. Und so sehe ich die Pralinen fast jeden Tag und denke noch an sie."

Gegen diese Argumentation war ich machtlos. So viel Sentimentalität hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Wobei aber... "Das ist doch jetzt über 5 Jahre her? Und Du denkst immer wen Du den Kühlschrank aufmachst noch an die - wie hies sie nochmal?" "Wer?" "Na die Freundin?" "Achso! Nein, ich denk an die Pralinen und wie schlecht die waren."

"Ok", meinte ich, "gut, Du hebst die Pralinen aus Sentimentalität auf, aber nicht aus Liebe. Will ich so akzeptieren. Aber was ist zum Beispiel mit diesem Senf?" Inzwischen hatte ich mit der Gabel einen ersten größeren Brocken Senf, oder wie ein Maurer sagen würde gelbdunkelbrauner Mörtel [ich stellte mir gerade vor wie da ein Maurer auf dem Gerüst zur Aushilfe runterschrie "Eyyy, wo bleibt der gelbdunkelbraune Mörtel????" während Achmed die Säcke mit dem Senfpulver in die Zementmischmaschine schüttete] herausgeschlagen. Ich lies den Brocken einfach auf den Boden fallen und beobachtete fasziniert, wie er sich langsam in Richtung Yuka-Palme bewegte.

"Senf braucht man immer", meinte mein Freund, "man kann Senf für so vieles verwenden. Z.B. als Brotaufstrich. Oder als Wurtsaufstrich. Die Steigerung wäre eine Beilage zur Bratwurst." "Oder als Gesichtsmaske... oder als Mörtel... oder zum Bau von Staudämmen..." [vor meinem geistigen Auge entstand sofort ein Bild der Baustelle am Yang Tse Keang (Der Gelbe Fluß) in China. Rießige Mauern wurden aufgerichtet, ganze Fabriken waren nur damit beschäftigt das Baumaterial herzustellen, urplötzlich wechselt das Bild und ich sehe einen Nachrichtensprecher: "China. Wie die dortige Regierung verlauten lies, leidet das ganze Land unter Senfnotstand. Der Regierungssprecher lies verlautbaren, dass bereits Gespräche mit führenden Senfproduzenten aufgenommen wurden, unter anderem die Deutschen Produzenten Tommi, Devely und Löwe." Hies der Gelbe Fluß nicht Gelber Fluß, weil er so eine gelbdunkelbraune Färbung hatte?] "Ein Kühlschrank ohne Senf ist wie ein, wie ein..." "Wie ein was?", einer der seltenen Fälle, bei denen er nicht sofort zum Ende kam. "Wie eine Badewanne ohne Wasser." "Wieso das?" "Du konntest doch auch einfach in der Badewanne Duschen, man wird genauso sauber, aber es ist viel besser zu baden. Und genauso isses mit Senf: Du stellst ihn rein in den Kühlschrank und er ist da. Das gibt einen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit." "So ein Quatsch, bei der Badewanne verstehe ich das ja noch, aber Senf? Außerdem muss Senf nicht unbedingt gekühlt werden." "Ja, aber er hält länger, wenn man ihn kühlt!"

"Senf hält ewig!", meinte ich trocken und lies mit einem satten Geräusch den zweiten Brocken Senf auf den Boden fallen.

Ich saß schließlich mit einem sauber gespülten Senfglas in der Hand und einer angenehm dunklen, kühlen, sprudelnden Flüssigkeit darin auf dem Sofa und kam wieder auf das Thema zurück, das mich beschäftigte: "Wie ist das mit dem Glas Gurken?" "Das? Ach, das, das steht da drin, weil ich nicht weiß wohin mit dem Altglas. Wegen einem Glas fahr ich doch nicht zum Altglascontainer, das wäre doch eine unnötige Verschmutzung der Umwelt. Außerdem war's 'ne geile Fete, auf der wir das gegessen haben..." "Du könntest Doch auch einfach das Glas ausleeren und ins Regal stellen?" "Ja, aber im Kühlschrank ist doch Platz genug..."

"Und das Stück Wurst im Gemüsefach?" "Na, das hat halt irgendjemand vergessen, ich mag nämlich keine Gelbwurst." "Das war Gelbwurst? Woher weißt Du das?" "Habs gesehen als es noch frisch war."

Als ich dann irgendwann wieder daheim war und meinen Kühlschrank aufmachte fiel mir wieder das ganze Gespräch ein. Wir hatten noch ewig weiterdiskutiert und ich konnte seinem Standpunkt, Dinge aus Sentimentalität im Kühlschrank aufzuheben, weil man daran hing sogar teilweise auseinandernehmen und ihm beweisen, dass es eigentlich die reine Faulheit war, die alten Dinge nicht aus dem Kühlschrank zu nehmen. Andererseits konnte er mir beweisen, dass der Kühlschrank der beste Ort sei, um an Dinge immer wieder erinnert zu werden. "Aber doch nicht an Lebensmittel, also ich hab schon die tollsten Dinge über den Kühlschrank gehört, es gibt Leute, die legen da ihre Terminkalender rein, oder hängen außen mit Magneten wichtige Notizen dran. Aber die Lebensmittel sind doch nur drin, um sie zu essen." "Wieso? Ich kann sie doch auch drin aufheben." "Ja, um sie länger haltbar zu machen." "Siehste?!"

Die Kälte strömte aus dem Kühlschrank und brachte mich wieder in die Gegenwart. Mein Blick fiel auf ein Glas Panilo Brotaufstrich. Das stand im Eierregal, seit ich in diese Wohnung eingezogen war. Ich nahm es raus und mir fiel wieder ein, wie dieser Umzug damals war, wie wir alle geschwitzt hatten. Wir standen in der Küche um die Kisten mit den Lebensmitteln herum oder saßen auf den Getränkekisten. Jeder war damit beschäftigt zu trinken oder zu essen, zwischendrin könnte man immer wieder ein Stöhnen hören und irgendwann hörte ich, wie jemand sagte "Dieses Zeug schmeckt nach Konservierungsmitteln." "Da steht aber extra drauf: 'Ohne Konservierungsstoffe'". "Es schmeckt so stark nach Konservierungsmitteln, dass Bakterien wahrscheinlich schon vom Geruch betäubt würden."

Ich grinste über diese Geschichte und stellte das Glas wieder da hin, wo es hingehörte. Es gibt Dinge, die man am besten im Kühlschrank aufhebt.